Das „Lexikon des guten Geistes“ in seinem vollen Umfang ist erhältlich an der Information im Erdgeschoss

Auszug aus dem Vorwort
Liebe Freunde der Familie Berkel, liebe Geschäftsfreunde der Firmengruppe BERKEL Unternehmungen Mit dieser zweiten Wiederauflage des „Lexikon des guten Geistes“, von Dieter Berkel (†1989) geschrieben, möchten wir Ihnen ein ganz spezielles kleines Brevier zur Verfügung stellen.Es soll Ihnen beim Blättern und Lesen sowie beim Studieren der darin beschriebenen Spirituosenarten viel Freude bereiten.Der Autor gewährt auf ganz spezielle Weise „neue“ Einblicke in die Herkunft, Zusammensetzung und Wirkung vieler altbekannter Alkoholika. Es handelt sich dabei ausdrücklich nicht um eine Neuauflage, denn wir haben den Inhalt ganz bewusst nicht verändert, weil wir Ihnen diese kleine Kostprobe seiner literarischen Schaffenskraft in seiner unverfälschten Originalität nicht vorenthalten wollten. Dem aufmerksamen Leser werden die philosophischen oder auch humoristischen Anspielungen zwischen den Zeilen sicher nicht entgehen. Einige Prozentangaben aber auch so manche Beschreibung von Produktionsmethoden sind zwar inzwischen überholt, aber die Aussagen zum „Geist“ der einzelnen Spirituosen und Brände von „A“ wie Anis bis „Z“ wie Zwetschgenwasser sind zeitlos und somit nach wie vor hochaktuell.
Das können sicher nicht viele Nachschlagewerke - 50 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen - von sich behaupten! Anlässlich der Einweihung des neuen Firmengeländes in Ludwigshafen- Rheingönheim wurde 1974 bereits eine erste Wiederauflage veröffentlicht auf der ein Luftbild der damals völlig neuen Fabrikanlage - dem Lebenswerk Dieter Berkel‘s – prangte.
Damals hatte er die 1847 von Andreas Berkel in Germersheim gegründete Firma bereits in der 4. Generation geführt. Dieses alte Titelbild ist nun auf der Rückseite zu sehen, während das neue zeitgenössisch modernere Titelbild von Susanne Berkel entworfen wurde.
Wir möchten hiermit auch Dieter Berkel als Literat und Unternehmer gedenken.
Ludwigshafen im September 2011
Mathias Berkel Susanne Berkel
Vorwort des Autors
Wenn über Weine gesprochen wird oder die Zusammenstellung von Diners, so kann man von den meisten Herren, die Wert darauf legen, solche zu sein, geradezu professionelles Wissen erfahren; sie sind hieb und stichfest, und keine Frage auf diesem Gebiet ändert das Lächeln auf den Lippen des Überlegenen in ein Lächeln des Überfragten. Aber schon der präzise Unterschied zwischen Weinbrand, Cognac, Armagnac wird nur noch vage, nicht mehr lächelnd, dafür aber mit unterstreichenden Handbewegungen und hilfesuchendem Blick beantwortet. Auf diesem Gebiet sind die Kenntnisse keineswegs genügend, eher erschütternd schlecht! Dafür gibt es viele Gründe, einer ist sicherlich die Abneigung der Damen gegen die Zustände, die konzentrierte Alkoholika bei ihren Ehehälften zu produzieren vermögen. Sie reichen von höchster Euphorie bis zur tiefsten Depression und haben bewirkt, daß man über Spirituosen wie über etwas sehr Geheimes spricht, nur so von Freund zu Freund, und schnell das Thema wechselt, wenn sich ein Dritter nähert. Das ist traurig, denn nicht nur der Wein, den die Dichter besingen, der als Blut der Erde gilt, als Geschenk der Götter, ist das edle Erzeugnis menschlicher Kunst und Liebe, die Spirituosen sind es ebensosehr, sie sind das Destillat, das Konzentrat daraus, und haben verdient, daß man über ihre Herkunft Bescheid weiß. Aus diesem Grunde wurde das „Lexikon des guten Geistes“ geschrieben, aus Anerkennung der Mühe, der hohen Kunst und der Liebe, die auf die Erzeugung der Spirituosen von einer ganzen Industrie verwandt wird, die merkwürdigerweise gegen diese Bezeichnung bis heute nicht protestiert hat, obwohl sie vielmehr einer Zunft im alten Sinne oder einem Geheimbund gleicht. Wie in jedem Lexikon sind die Erzeugnisse nach dem Alphabet auf geführt und umfassen nur diejenigen Spirituosen, die der Fachmann als „Brände“ bezeichnet, die also keinen oder nur wenig Zucker enthalten und durch Destillation direkt oder indirekt gewonnen werden. Wollte man dieses Lexikon auf Liköre ausdehnen, so hieße das Geheimnisse enthüllen, denn jede Firma hat für ein und dasselbe Produkt ihr eigenes Rezept. Kein Apricot-Brandy gleicht dem anderen, und der Rahmen der Abweichungen ist so groß, daß eine Arbeit darüber Bände füllen würde. Bei den „Bränden“ ist dies anders, nicht daß ein Weinbrand wie der andere wäre, aber die Nuancen sind begrenzter, hängen nicht von den Zutaten ab, sondern von der Kunst des Destillierens und Lagerns, und eine grundsätzliche Beschreibung ist möglich. Fangen wir also mit „A“ an und nehmen zuerst den Alkohol.

Alkohol
Er ist unbedeutend jünger als die Geschichte der Menschheit und die Angabe von Daten über ihn so unmöglich wie bei der Entstehung der Kontinente, will man nicht in Jahrtausenden rechnen! Verdeckt durch die grauen Nebel der Vorzeit, schlich eines Morgens ein Mensch auf allen vieren aus seiner Höhle, nicht etwa weil dies zu jener Zeit noch üblich gewesen wäre; er war einfach zu schwach, sich zu erheben, da er schon tagelang erfolglos gejagt hatte. Er überzeugte sich vorsichtig, daß er allein sei, um nicht das Opfer der damaligen Herren der Erde, der wilden Tiere, zu werden, und kroch sodann zu seinem Speisebrei, den er sich für solche Notfälle in einem hohlen Stein versteckt hatte. Dieser Brei bestand aus wilden Früchten, die zerstampft waren, und schon, als er daran roch, stutzte er. Ein unbekannter, lieblicher und zugleich herber Geruch schlug ihm entgegen. Er überwand seine Vorsicht und aß davon, mehr und mehr mit wachsendem Behagen. Bald sprang er mit einem Satz auf die Beine und jubelte der Sonne entgegen; er fühlte esdeutlich, daß er von einer Göttin geküßt worden war!

Aquavit
Nun sind wir vom Süden Deutschlands, wo die Äpfel- und Aprikosenbäume blühen, mit einem großen Schritt in den Norden nicht nur Deutschlands, sondern Europas gelangt. Aquavit, von aqua vitae Lebenswasser, kommt aus Skandinavien, wird aber auch in großem Umfange in Deutschland produziert und konsumiert. Es verleugnet seine Heimat nicht, als kräftiges aromatisches Getränk. Es ist ein Kind der Länder, wo Eis und Schnee in der Mitternachtssonne glänzen, und man spürt das. Gewonnen wird er aus Kümmel, Koriander, Fenchel, Anis und anderen Kräutern und Wurzeln. Hauptbestandteil jedoch ist der Kümmel, der zusammen mit den übrigen Zutaten, die in ihrer Dosierung Geheimnis der verschiedenen Firmen sind, wiederum in Alkohol angesetzt und abdestilliert wird. Er hat in den meisten Fällen 38 bis 40 Prozent Vol. Weingeist und darf sich dann auch Tafelaquavit nennen. Die Einstellung der Weingeiststärke wird mit neutralem Alkohol und enthärtetem Wasser vorgenommen. Der Prozentsatz des Destillatanteiles, also des Aromaträgers,schwankt zwischen 10 und 40 % je nach Stärke des Destillats
und der Geschmacksrichtung der Verbraucher.

Birnengeist
„Eau de vie William“ nennen ihn die Schweizer, die ihn in einer Vollendung herzustellen verstehen, wie sie andernorts noch nicht erreicht wurde. Allerdings gibt es in neuester Zeit auch einige deutsche Produkte, die nicht nur recht passabel sind, sondern auch zu einem Preis angeboten werden, der ganz wesentlich unter dem der Originalprodukte liegt. Zweifellos hat das nichts mit billigeren Fabrikationskosten, etwa billigerem Rohstoff, zu tun, sondern es liegt an der Zoll- und Steuerbelastung des ausländischen Erzeugnisses. Die Williams-Christ-Birne ist diesseits und jenseits des Bodensees gleich teuer und vergleichsweise auch selten, so daß das schwierigste Problem für die Williams-Destillerien die Rohstoffversorgung ist. Man kann, wie das bei anderen Produkten, z. B. auch beim Calvados, der Fall ist, nicht etwa angefaulte und für den direkten Genuß unbrauchbare Früchte verwenden, ohne dem reinen Aroma des Enderzeugnisses zu schaden. Im Gegenteil, die Birnen werden hand verlesen, und nur die besten kommen in Frage. Nun sollte man glauben, daß der Name Birnengeist schon die Art des Brandes bezeichnet.
Cognac
Nun sind wir also soweit, meine Herren! Sie haben doch Ihre bestimmte Marke, nicht wahr, das gehört zum Gentleman, und Sie wissen ganz gut Bescheid über Cognac, das glaube ich Ihnen gern. Trotzdem möchte ich behaupten, daß gerade diese Spirituose durch Gesetze und Verordnungen zum Gegenstand einer ausgewachsenen Wissenschaft wurde. Cognac ist nicht einfach gebrannter Wein, es muß ein ganz bestimmter Wein sein, und selbst dann, wenn diese Bedingung erfüllt ist, ist das Destillat immer noch kein Cognac. Sehen Sie, meine Herren, der Gegenstand unserer Betrachtung ist komplizierter, als Sie dachten. Es ist wie wenn man Ahnenforschung bei einer sehr verzweigten Familie treibt. Zu dieser Familie gehört der Armagnac, der Weinbrand, der Cognac und der Brandy. Alle haben sie ein und denselben Stammvater, den Wein, und auch die gleiche Stammutter, die Destillierblase, aber sie sind sich untereinander nicht besonders grün, wie das bei großen Familien so üblich ist. Sie sind in alle Länder der Erde verstreut undbefehden sich auf dem Markt ganz unflätig.

Gin
Angelsächsischer Wacholderbranntwein, der zu den meist getrunkenen Spirituosen der Welt gehört. Nun wissen Sie, was Gin ist! Nein, Sie wissen es noch lange nicht. Neben Wacholder, der wohl mengenmäßig im Destillat am stärksten vertreten ist, enthält jeder Gin noch mindestens neun weitere Ingredienzen. Dabei sind so feinaromatische Dinge, wie Lavendelblüten, Orangenblüten, Hopfenblüten, Ingwer und ein erheblicher Anteil frischer Zitronenschalen. Diese Zutaten und noch mehr werden in Getreidealkohol eingeweicht und abdestilliert, unvergoren natürlich. Wieder ist hier die gleiche Schwierigkeit zu überwinden wie beispielsweise beim deutschen Wacholder, es bildet sich durch die hohen Destillationstemperaturen ein Kochgeschmack der Wacholderbeeren, ober auch der Blüten und Zitronenschalen. In London, das merkwürdigerweise die Heimat des Gin ist, ist man in den großen Ginbrennereien deshalb dazu übergegangen, im Vakuum zu destillieren, wie ich das schon an anderer Stelle beschrieben habe. Durch dieses Verfahren erhält man das Aroma der einzelnen Zutaten sehr unverfälscht frisch und harmonischuntereinander verbunden.

Kirschwasser
Ich brauche wohl nicht zu betonen, daß dieser Brand in Reinheit und edlem Geschmack sich mit jedem anderen messen kann, wenn - ja wenn - es echtes Kirschwasser ist. Sie meinen, das sei selbstverständlich? Es ist es nicht. Die Verlockungen, der gärenden Maische andere Früchte zuzusetzen, die mehr Zucker enthalten, oder gar reinen Zucker oder noch schlimmer Alkohol, sind so groß, daß ihnen eine Vielzahl der kleinen Produzenten erliegt. Man merkt das nicht sofort, das Erzeugnis schmeckt sehr wohl nach vergorenen Kirschen, aber im Vergleich zu wirklich echtem Kirschwasser ist es nur noch eine fade Brühe, für die sich auf die Dauer niemand begeistern wird. Wer niemals das Beste gekostet hat, gibt sich mit dem Guten zufrieden; aber dieses Beste ist herzustellen und wird hergestellt, wobei sein Preis nur unwesentlich höher ist als der des Guten. Im Schwarzwald, in der Schweiz, besonders in der Gegend um Zug, und im Elsaß wächst eine Kirschensorte, die vom Herrgott ganz speziell für unser Wasser geschaffen wurde. Die Früchte sind klein und zum Rohessen nicht besonders geeignet.
Weinbrand
Das Kind erbitterter Kämpfe, die schließlich von den Destillateuren in Cognac für sich entschieden wurden. Der Sieg ist ausdrücklich im Versailler Vertrag und auch schon vorher verbrieft. Niemand außerhalb des Departements Cognac darf einen Cognac herstellen, so besagt die Klausel, auch nicht, wenn die Rohstoffe, die Art der Herstellung und die Lagerung genau mit den in Frankreich üblichen Methoden übereinstimmen. Zunächst herrschte Panikstimmung bei den deutschen Cognac-Herstellern, aber sie besannen sich schließlich auf ihr Können, setzten sich zusammen und gaben ihrem Produkt den klaren und alles erklärenden Namen „Weinbrand“. Was aussichtslos schien, war schnell verwirklicht: Das Lager der Cognactrinker spaltete sich, und es gibt heute ebenso viele Leute, die lieber Weinbrand trinken, als solche, die den Cognac vorziehen. Beide tun es mit der gleichen Berechtigung, wenn sie sich auch untereinander als Banausen bezeichnen.